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Bindung und kindliche Entwicklung:
Das Gefüge psychischer Sicherheit und Unsicherheit

Das neugeborene Kind ist eine physiologische Frühgeburt. Sein Verhalten wird wesentlich vom Mittelhirn, dem limbischen System, dem Sitz der Gefühle, gesteuert. Sein Verhalten und sein Befinden werden nicht nur von Innen sondern wesentlich von seinen bemutternden Personen organisiert, d.h. diese Personen deuten seine Äußerungen - seine Signale - als seine „Sprache“ und reagieren mehr oder weniger feinfühlig darauf. So entwickelt sich eine individuelle Bindung an sie. Sie sind für das Kind einmalig und nicht austauschbar. Weitere Bindungen entwickeln sich jeweils neu. Die Feinfühligkeit der Beantwortung kindlicher Signale beeinflusst die Qualität der sich entwickelnden Bindungen. Durch das eigene Erleben erfährt es, was liebevolle Verbundenheit ist.

Nahezu alle Bindungspersonen sprechen mit ihrem Säugling oft schon vor der Geburt. Er erlebt, dass sein Fühlen und Handeln für seine Bindungspersonen bedeutungsvoll sind, und er lernt, welche Worte es dafür gibt. Die Deutung seines Erlebens kann auch mehr oder minder feinfühlig sein. Der Inhalt des Gesprochenen beginnt sich ab dem zweiten Lebensjahr des Kindes zu erschließen, meist in Situationen gemeinsamer Aufmerksamkeit gegenüber Ereignissen, die durch Anteilnahme, Benennung und Interpretation bedeutsam werden.

Die lebenslange Bindungsentwicklung führt zu psychischer Sicherheit, wenn das Erleben des Kindes mit ihrer Interpretation durch die Bindungspersonen übereinstimmen, d.h. ‚kohärent‘ sind. Psychisch sicher fühlt sich ein Kind, wenn es einerseits sicher ist, dass ihm geholfen wird, wenn es um Hilfe bittet, es aber auch andererseits in seiner Tüchtigkeit unterstützt wird, so dass es zunehmend autonomer handeln kann. Dabei spielt der Vater bzw. die zweite Bindungsperson eine besondere Rolle. Das Prinzip von Autonomie in Verbundenheit gilt ein Leben lang.

Eine psychisch unsichere Entwicklung bahnt sich dagegen an, wenn es mehr oder minder subtile Zurückweisung erfährt, sein Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Zuwendung nicht verstanden wird, aber auch schon wenn es keine verlässliche Stimmigkeit zwischen dem Erleben des Kindes und seiner Interpretation durch die Bindungspersonen gibt. Die Entwicklung einer Autonomie in Verbundenheit ist dann durch emotionale Verunsicherung durch Angst vor Zurückweisung und fehlende Diskurse über Motive und Lösungen eingeschränkt. Die Motivation, den Bindungspersonen zuliebe auf aggressives, egoistisches Verhalten zu verzichten, kann sich bei Unsicherheit der Verbundenheit nicht gut entwicklen. Beispiele sind die klassischen unsicheren Bindungsmuster Vermeidung und ängstliche Ambivalenz, vor allem aber eine Desorganisation bzw. Störung der Bindung, die oft abweichenden psychischen Entwicklungen zugrunde liegt.

10:30 - 11.15

Karin Grossmann

Karin Grossmann

 
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