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Psychopathologie der Familie:
aus dem Alltag eines Psychiaters

Psychische Störungen kann man nach ihrer Ursache grob in endogene (d.h. durch den Gehirnstoffwechsel ausgelöste), reaktive (d.h. durch Traumata) und neurotische (d.h. durch angstvollen Kreisen um sich selbst) Krankheiten einteilen. Bei allen dreien steigert die Einbeziehung der Familie in den Therapieprozess die Effektivität der Therapie, weil Menschen keine Monaden sind sondern in einem engen oder weiteren Beziehungsnetz leben. Oft ist eine endogene Störung erblich, eine reaktive Störung allen gemeinsam oder eine neurotische Störung (etwa Angst) in der Familie aufgrund eines gemeinsamen Denkmusters weit verbreitet.

Systemische Familientherapie ist ein psychotherapeutisches Verfahren für Familien, bei dem die Familie als soziales System im Zentrum der Intervention steht. Sie ist eine Form der Gruppenpsychotherapie. In der Familientherapie werden positive Veränderungen der Beziehungen zwischen den Mitgliedern von Familien angestrebt. Dabei wird betont, dass die Qualität der Kommunikation zwischen den Familienmitgliedern sowie die Entwicklung von Verständnis und Empathie füreinander ein wesentlicher Faktor für das Funktionieren des familiären Systems und das Wohlergehen der Familienmitglieder ist. Weitere Methoden sind die Aktivierung und Stärkung der Ressourcen der Familie, die zur selbstständigen Lösung der familiären Probleme verfügbar sind. Der Therapeut gibt Hinweise, Anregungen und versucht gemeinsam mit der Familie Lösungswege und Handlungsmöglichkeiten zu erarbeiten.

Eine "Triade" bezeichnet in der systemischen Familientherapie das Beziehungssystem zwischen drei Personen einer Familie. Jede Familie besteht aus einer oder mehreren Triaden. Die erste Triade, die ein Mensch erlebt, ist meist Vater-Mutter-Kind. Eine weitere bedeutsame Triade ist Eltern-Kind-Geschwisterkind. In einer 4-köpfigen Familie gibt es 4, in einer 5-köpfigen bereits 9 Triaden. Die Mehrgenerationenperspektive liefert weitere Triaden, z. B.: Vater-Mutter-Schwiegermutter, Großmutter-Mutter-Tochter, Bruder des Vaters-Vater-Sohn, etc. In einer Triade sind immer zwei der Beteiligten etwas stärker verbunden (im pathologischen Bereich symbiotisch), der Dritte etwas weiter weg, in Extremfällen als Ausgeschlossener (etwa der spät nach Hause kommende Vater, der sich wie ein Fremder im eigenen Haus vorkommt). Diese Positionen können über lange Zeit konstant sein, aber sie können auch kurzfristig und mehrfach wechseln, von Mittelpunkt bis Außenseiter.

In der "Starren Triade" stabilisieren zwei ihre Beziehung auf Kosten des Dritten, so etwa der Ehemann mit seiner Mutter gegen die Ehefrau. Diese Konstellation wurde von Jay Haley „Perverses Dreieck“ genannt. Ganz ähnlich verhält es sich bei der Triangulation, bei der ein Elternteil sich mit dem unmündigen Kind gegen den anderen Elternteil verbündet. Scheidungskinder sind häufig Opfer solcher pathogenen Konstellationen. Das Kind erhält eine bedeutsame und ungesunde Funktion im Subsystem der rivalisierenden Eltern, dem es selbst nicht angehört und die ihm auch nicht angemessen ist. Der eigentliche Konflikt zwischen den Eltern wird gewissermaßen über das zu diesen Zwecken missbrauchte Kind „umgeleitet“. Das Kind wird von den Eltern in einen unlösbaren Loyalitätskonflikt getrieben, denn es hat gleichzeitig ein gutes "Gewissen" gegenüber der Mutter, aber ein schlechtes Gewissen gegenüber seinem Vater - oder umgekehrt.

Ein ungeordnetes Familiensystem ist eine schwere Last für die psychische Entwicklung der Kinder, aber auch der Erwachsenen.

14:00 - 14:45

Raphael M. Bonelli

Raphael M. Bonelli

 
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